Von Backo Novo Selo nach Belgrad und kurzes Resümee

Von Backo Novo Selo nach Belgrad und kurzes Resümee

Das schlechte Wetter ist nun auch bei mir angekommen. Ich hoffe sehr, dass es nur vorübergehend sein wird. Gerade sitze ich jedenfalls in Belgrad im trockenen und sehe zu, wie es draußen regnet und hagelt. Ein Glück, dass ich heute nicht auf dem Rad sitze. Allerdings hat mich auch in den vergangenen Tagen der Regen auf dem Rad immer wieder ordentlich eingeholt.

25.09.2020
Mein heutiges Tagesziel ist die zweitgrößte Stadt Serbiens: Novi Sad. Überschaubare 80 Kilometer denke ich mir am Morgen nach Aufbruch in Backo Novo Selo, allerdings zeigt sich mir der Donau Radweg dann erst einmal von seiner schlechtesten Seite. Die ersten 15 Kilometer der Etappe sind geprägt von eigentlich unbefahrbaren Dammwegen. Unbefahrbar deshalb, weil die Dämme hier schlicht aus Sand zu sein scheinen. Man versinkt mit normalen Fahrradreifen bereits bei trockenem Untergrund so stark im Boden, dass man kaum vorwärts kommt. Als es dann noch anfängt zu regnen, bin ich mehr am schieben als am fahren und der Boden verwandelt sich in puren Matsch.
Als diese schier unbefahrbare Passage dann aber bewältigt war, wurde es besser. Die bereits viel beschriebene stark befahrene Landstraße erschien mir diesmal schon gar nicht mehr so schlimm. Alles ist besser als dieser Sandweg. Die letzten Kilometer bis zu meinem Tagesziel gab es dann wieder Dammwege, aber diesmal einen hervorragend ausgebauten, zweispurigen Radweg. So diversen Untergrund an nur einem Tag hatte ich bisher noch nicht – da war alles dabei.
Mit Regen macht es leider nur halb so viel Spaß und so war ich dann doch recht froh in Novi Sad angekommen zu sein.
Novi Sad hat mich übrigens wirklich überrascht. Das ist eine total putzige Stadt mit zahlreichen versteckten Passagen und Hinterhöfen mit lustigen Cafés oder kleinen Läden. In der ganzen Stadt stehen überall Popcorn-Stände. Wie ich jetzt weiß ist das in Belgrad auch so, das kannte ich aber so noch von keiner Stadt. Im Ergebnis duftet die Innenstadt von Novi Sad wie das Foyer eines Kinos.
Untergekommen bin ich im B&B Lakis&Takis. Das angemietete Zimmer ist im Hinterhaus zu einer Gaststätte und riesig groß. Es ist mehr ein Apartment als ein Zimmer, dazu wirklich sehr sauber. 18 Euro kostete mich das – inklusive Frühstück. Und was für ein Frühstück! Genau nach meinem Geschmack. Es gibt einen milden Käse – ähnlich einem Mozzarella – mit Olivenöl. Dazu frisch geschnittene Tomaten, Gurken und Spitzpaprika. Selbstgemachte Marmeladen, ein tolles Rührei mit Zwiebeln, Schinken und Kräutern, leckeres Brot und Café – und das alles für mich alleine frisch zubereitet und an den Tisch gebracht (ich mag keine Buffets). Auch hier bin ich der einzige Gast und der Wirt ist extra für mich alleine aufgestanden um mir das Frühstück zu machen. Nicht nur das Frühstück war lecker, sondern ich hab auch schon in der zugehörigen Kneipe zu Abend gegessen. Eine pikante Fischsuppe mit Karpfen drin. Danach noch einen Eintopf. Beides war so viel, dass es für zwei gereicht hätte und wirklich extrem lecker. Das Personal dort war super nett und zuvorkommend. Freundlich und interessiert. Ich hab mich in Novi Sad rundum wie zu Hause gefühlt und wer von meinen Lesern einmal in Novi Sad landen sollte und keinen großen Wert auf Hotels legt, der sollte sich das Lakis&Takis wirklich merken. Da es keine Website gibt, kann ich es diesmal nicht verlinken.

26.09.2020
95 Kilometer und ein paar kräftige Anstiege (die ersten seit langem) trennen mich heute von Belgrad. Die heutige Passage lege ich komplett auf regulären Straßen zurück. Mal größere und mal kleinere und spätestens 20 Kilometer vor Belgrad bin ich in ziemlich dickem Verkehr mit meinem Rad und merke, dass es auf eine Großstadt zugeht.
Auch den heutigen Tag verbringe ich zu einem großen Teil im Regen. Einmal verwandelt der sich in ein richtiges Gewitter mit kleinen Hagelkörnern, aber ich finde eine Bushaltestelle und kann eine kleine Pause machen.
Zwei Orte unterwegs möchte ich erwähnen. Zum einen komme ich durch Sremski Karlovci, dass mich mit seiner barocken und für hiesige Verhältnisse sehr gut gepflegten und renovierten Altstadt überrascht. Ich erfahre, dass Karlovci bis 1920 Sitz des serbisch-orthodoxen Patriarchen war. Das erklärt natürlich die tollen Kirchen und den sichtlichen Wohlstand, der aber bis heute anzuhalten scheint.
Zum anderen wäre da die alte Stadt Zemun, die heute eigentlich ein Vorort von Belgrad ist. Kopfsteingepflasterte Gassen mit alten Häusern erstrecken sich über einen Hügel mit dem einen oder anderen markanten Kirchturm. Der Ort liegt direkt an der Donau und ist besonders am Abend wegen seiner Restaurants und der Promenade beliebt. Mir ist jedoch vor allem der Blick auf Belgrad im Kopf geblieben. Eine Gasse macht einen Knick und eröffnet einem eine weite Sicht auf die alten Häuser von Zemun, danach viel Bäume und Grün, und schließlich am Horizont die modernen Bauten von Belgrad.
Ab Zemun geht es dann noch einmal 10 Kilometer an der Donau entlang, bis man am Zusammenfluss von Donau und Sava endlich die serbische Hauptstadt erreicht.

Blick von Zemun nach Belgrad

Meinen Aufenthalt in Belgrad hab ich vor allem genutzt um einfach mal nicht Fahrrad fahren zu müssen und auszuruhen. Das hat sehr gut getan. Ich habe eine hübsche kleine Wohnung bei Air BNB gefunden. Mit Waschmaschine und auch wieder super günstig. Belgrad macht einen lebenswerten Eindruck, obwohl die Stadt an Hässlichkeit eigentlich kaum zu überbieten ist. Schön ist ein Besuch auf der alten Festung und ein Blick runter zu Donau und Sava. Auf einem Stadtrundgang erfahre ich, dass Belgrad 144 mal in kriegerische Auseinandersetzungen verstrickt war und 40? mal komplett zerstört wurde. Da darf man sich nicht wundern, wenn an schöner, alter Substanz nicht mehr so viel da ist. Das Stadtbild wird dominiert von kommunistischen Zweckbauten der Nachkriegszeit ohne jeden Prunk. Auf dem Stadtrundgang machen wir auch einen Stop am Gebäude des Staatsfernsehens. Davor findet sich eine Ruine und ich erfahre, dass es sich hierbei um ein Überbleibsel des letzten Kosovo-Krieges handelte, als die Nato hier eine Fernsehstation bombardierten. Das Gebäude bleibt als Mahn- und Denkmal erhalten.
Farbe in die graue Betonwüste bringen auch hier eine Vielzahl an Kneipen, Cafés und Restaurants die mit dem arbeiten was eben da ist und auf kreative Art und Weise wirklich tolle Orte und Oasen im Beton kreieren. Vielleicht war Berlin vor 20 Jahren auch einmal so. Meinen Samstag nutze ich so auch für einen kleinen Streifzug durch das Nachtleben. Mir tut es gut zu sehen, wie wenig Corona hier in den Alltag Einzug gehalten hat. Die Bars haben eine frühe Sperrstunde und eigentlich müsste man einen Mundschutz tragen. Daran hält sich aber wirklich niemand. Abstand? Nicht hier. Und endlich kommt man auch einmal ein bisschen mit Menschen ins Gespräch. Ein Hauch scheinbarer Normalität in einer verrückten Welt. Richtig anrührend fand ich die üblichen Schalen mit Erdnüssen und Knabberkram auf dem Tresen und den Tischen einer Bar, in die jeder ganz ungeniert einfach hineingriff als hätte es nie ein Virus gegeben. Wie man das vor ein paar Monaten vielleicht auch noch aus der eigenen Lieblingskneipe kannte. Ich bin mir nicht sicher, ob sich aktuell irgendjemand vorstellen kann, dass es so etwas in Deutschland jemals wieder geben wird – Impfstoff hin oder her. Hier hat eine Sensibilisierung für bestimmte Themen stattgefunden, die in den Köpfen jetzt drin ist. Ich merke, dass es oft so Kleinigkeiten sind die plötzlich verschwunden sind und die vielleicht vielen Leuten nicht einmal auffallen. Die vielleicht niemand vermissen wird. Ich frage mich wirklich, was da in Zukunft alles wieder revidiert werden kann und was uns bleiben wird. Ich freue mich jedenfalls immer über Nüsschen am Tresen und dass da jeder reingreift – so what? Ich nehme mir jedenfalls eine große Hand Knabberzeug und freue mich sehr darüber , so etwas in Belgrad gefunden zu haben.

Resümee
Meine 5. Etappe war mit gerade einmal drei Fahrtagen und 272 Kilometern recht kurz. Die nächste Etappe wird dafür wieder richtig knackig.
Ich bin in drei Tagen von Osijek in Kroatien in die serbische Hauptstadt Belgrad gefahren. Serbien erschien mir direkt hinter der Grenze extrem ärmlich. Das hat sich immer mehr gelegt, je näher Belgrad kam. Insgesamt bin ich in Serbien vor allem mit dem Essen sehr glücklich und ich freue mich schon auf mein heutiges Abendessen.
Ich bin jetzt 1.624 Kilometer im Sattel gesessen seit meiner Abreise am 01.09.2020. Knapp 1.200 Kilometer habe ich noch vor mir bis nach Tulcea. Von dort aus geht es dann mit dem Boot zum Donaukilometer Null, denn im Donaudelta gibt es keine Straßen mehr.
Die verbleibenden Kilometer werden sich jetzt auf drei anstrengende Etappen verteilen und es wird nochmal richtig einsam. Ich hoffe sehr, dass mir mein Material und auch das Wetter in den kommenden Wochen noch hold bleiben wird!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Elisabeth Widmann

    Hallo Bernhard,
    war heute im Thalia und habe bei Latte Macchiato und Kuchen den Donauradweg absolviert. Die hatten von bikeline alle Etappen vorrätig. Ab Wien sind das für mich alles spanische Dörfer, aber ich hab mal das Ausmaß dieser Strecke so richtig vor Augen gehabt! Außerdem stellten sie verschiedene Varianten vor, durch verschiedene Länder? Ich dachte, es gibt nur eine Donau und einen Radweg? Aber irgendwie sind dann doch alle Wege am Delta gelandet. Als du den aufgeweichten Dammweg beschrieben hast, hab ich besonders mitgefühlt. So ging es uns am am Fünf-Flüsse-Radweg am Main – Donau – Kanal, gefühlt schrecklich aber bestimmt nur halb so schlimm. Inzwischen ist es hier richtig kalt geworden, hoffentlich frierst du nicht am Sattel fest. Wünsche dir auf jeden Fall besseres und vor allen Dingen wärmeres Wetter! Gruß aus einem warmen Wohnzimmer! Mama

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