Von Harsova nach Tulcea: Vorläufiger Endspurt

Von Harsova nach Tulcea: Vorläufiger Endspurt

15.10.2020
Als ich in Harsova aus der Unterkunft krieche, ist es ganz schön kalt – aber die Sonne scheint. Ich hole mir im Supermarkt ein Frühstück und setze mich noch ein bisschen an den Stadtplatz. Dort genieße ich dick eingemummelt die Sonne und einen Kaffee. Ich versuche meine Reise Tag für Tag noch einmal revue passieren zu lassen, aber ich merke, dass nach eineinhalb Monaten die einzelnen Tage an Kontur verlieren. Ich bin echt froh, dass ich dieses mal diesen Blog geschrieben habe. Für Reisetagebücher war ich bisher immer zu faul.
Anschließend geht es los. Die Landschaft ist heute unendlich weit und wirkt oft sehr trocken. Kaum sieht man mal einen Baum. Wälder gibt es ohnehin nur in unmittelbarer Flussnähe. Viel Steppe. Mittlerweile trägt auch die veränderte Landschaft zum Gefühl bei, richtig weit weg von zu Hause zu sein.

Im Hintergrund tauchen langsam die Züge des Macin Gebirges auf. Die Gipfel sind von der Donau aus nur maximal 400 Meter hoch, aber es handelt sich doch um einen richtigen, sehr alten Gebirgszug. Ein Teil davon ist Nationalpark und mein heutiges Tagesziel – Greci – dient als Ausgangspunkt für Wanderungen im Park. Ich habe gehört, dass es hier viele Schildkröten gibt. Leider ist mir seit Serbien aber keine mehr begegnet. Wer mir dafür ständig begegnet, dass sind die vielen Straßenhunde. Es vergeht kein Tag, ohne dass ich nicht mehrmals ziemlich erschrecke, weil aus irgend einer Ecke ein Hund gesprungen kommt und anfängt, mich zu jagen. Oder mehrere. Heute waren sie einmal zu fünft. Angst vor Hunden darf man hier keine haben… Wenn ich dann eine Vollbremsung mache, kommen sie normalerweise nicht näher sondern waren Abstand. Es nervt trotzdem. Die Kehrseite zu den lebenden Hunden sind die ganzen toten Hunde, die die Straßen säumen. Ich hatte heute eine Etappe, da musste man regelrecht Slalom um Hundekadaver herum fahren. Das ist nicht schön. Die Balkan-Länder und Rumänien haben ein echtes Hundeproblem. Mir tun die Tiere leid, auch wenn sie mir oftmals regelrecht gefährlich vor die Reifen springen…
Nach gut 80 Kilometern bei bestem Wetter und ohne Radpannen bin ich in Greci. Dort steh ich dann im Supermarkt und will mir ein Abendessen kaufen, aber irgendwie will mir nichts so richtig gefallen. War da nicht gegenüber eine Konditorei? Stimmt – dann gibt es heute eben vornehmlich Kuchen.

16.10.2020
Letzter Radtag vor Tulcea. Letzter Radtag, bevor es mit dem Boot an den Donaukilometer Null geht. Ich hab aber mittlerweile beschlossen, dass es für mich noch nicht ganz der letzte Radtag ist. Ich wollte es ja ein bisschen vom Zustand meines Rades abhängig machen, ob ich von Tulcea aus noch nach Constanta fahre, oder eben nicht. Da es die letzten Tage so gut lief und auch mein Tretlager zwar kontinuierlich knarzt, aber ich ihm glaube ich noch ein paar Kilometer zumuten kann, werde ich nach meinem Abstecher nach Sulina und zum Kilometer Null den Donauradweg noch zu Ende fahren und die Reise in Constanta beschließen. Das sind dann nochmal zwei Radtage. Mein Hintern darf somit noch nicht aufatmen.
Zu meinem heutigen Radtag gibt es gar nicht so viel zu erzählen. Wieder hab ich ein bomben Herbstwetter (aber nächste Woche soll ein Temperatursturz kommen). Wieder macht mein Rad brav das, was ich möchte. Und so vergehen die heutigen 90 Kilometer wie im Fluge. Im Grunde fahre ich von Greci nach Tulcea einmal um das Macin Gebirge herum. Ein paar Ausläufer sorgen immer wieder dafür, dass mein Weg nicht zu flach ist und ich auch das Gefühl habe, weiterhin Sport zu machen.
Ja – und dann bin ich da. In Tulcea. Zum zweiten mal. Vor ?9 Jahren (Joschka und Joscha, wie lange ist das her?) waren wir als Trio schon einmal hier und haben einen Bootsausflug ins Donau Delta unternommen. Der ist mir nachdrücklich im Kopf geblieben, aber in Sulina waren wir damals nicht.
Diesmal hat Tulcea aber für mich ja noch eine andere Bedeutung. Es ist mein selbst gestecktes Ziel dieser Reise. Zumindest des Radteils dieser Reise, denn nach Sulina gibt es keine Straße. Alles was jetzt noch an Kilometern kommt ist ein freiwilliger Zuschlag. Mein Soll hab ich erfüllt. Und was soll ich sagen? Ich glaub ich nehm es noch gar nicht so richtig wahr, dass ich das tatsächlich geschafft hab. Das ist bei mir oft so. Ich muss das erst mal sacken lassen. Das mach ich jetzt auch erst mal. Ich werde mich hier in meinem Blog wieder melden, wenn ich aus Sulina zurück bin und mich daran gewöhnt habe, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Tatsächlich!

Eines möchte ich an dieser Stelle aber doch noch schreiben. Meine kleine „Kohle gegen Karten“ – Aktion ist eingeschlagen wie eine Bombe und ich werde einen ganzen Tag mit Karten schreiben verbringen müssen (oder dürfen). Allen die mir so ein bisschen unter die Arme gegriffen haben vielen lieben Dank! Vielen vielen Dank!!!
Jetzt hab ich nur ein Problem: Woher nehme ich die Karten? Ich war heute in Tulcea in wirklich jedem Laden entlang der Flusspromenade. Ich hab gezielt zwei Souvenir-Läden aufgesucht (mehr gibts auch nicht) und ich war in der Tourismusinformation. Postkarten? Fehlanzeige!
Und als ich da so gesucht habe ist mir eingefallen, dass es vor etlichen Jahren dem Joschka hier genauso ging. Der hat gesucht wie ein blöder und keine Karten gefunden. Und zwar die ganze Reise lang. Ich werde mir was einfallen lassen müssen – versprochen ist versprochen und die Post kommt in jedem Fall. Nur wie – das muss ich jetzt noch herausfinden. Mich hat das jedenfalls sehr gefreut und ich war echt überrascht, wer mich da alles bedacht hat. Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Vielen Dank!!

2828 Fahrradkilometer von Egling entfernt: Tulcea

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Joschka

    9 Jahre schon wieder her? Meine Güte… Ich bin dieses Mal jedenfalls noch viel stolzer auf dich 😘

  2. Elisabeth Widmann

    Was soll ich jetzt noch sagen……..ganz herzlichen Glückwunsch!!!!!!! Ich hab nicht wirklich geglaubt, dass du da ankommst. Ich habe weniger an deinem Durchhaltevermögen gezweifelt, sondern dass dir Corona einen Strich durch die Rechnung macht. Und sooooo viele Pannen, mit dem hat ja wohl keiner gerechnet. Aber jetzt am Ziel ist das bestimmt bald vergessen und du kannst dich nur noch freuen und stolz sein! Gestern hat Wetter.de in Tulcea Sonnenschein und 24° angesagt, ich hab dich richtig beneidet. Aber das scheint ja wohl nicht zu stimmen. Klappt das jetzt mit dem Heimtransport mit deinem Rad? Jedenfalls freue ich mich auf einen baldigen Livebericht zu Hause! Bis dahin noch einen wunderschönen Endspurt! Grüße aus dem nassen und kalten Deutschland! Mama

    1. Joscha

      9 Jahre. Wahnsinn. Das ist echt lange schon. Kommt mir garnicht so vor. Sind wir doch schon so alt? 😄
      Schön, dass du es noch mal dort hin geschafft hast, auf diesem aussergewöhnlichen Weg.
      Herzlichen Glückwunsch zu diesem wahnsinns Erfolg.

Schreibe einen Kommentar