Von Osijek nach Basko Novo Selo: Serbien ist leer und weit

Von Osijek nach Basko Novo Selo: Serbien ist leer und weit

23.09.2020
Corona-Test Tag: Auf der Seite des Auswärtigen Amtes findet sich zur Einreise nach Serbien die Information, dass Reisende aus Kroatien, Bulgarien und Rumänien bei Einreise einen negativen Corona-Test vorlegen müssen. Ich hatte das in meinem Blog schon ein paar mal erwähnt. Es war gar nicht so einfach, in Osijek die entsprechende Stelle ausfindig zu machen und die Modalitäten zu klären. 1000 Kuna wurden für einen Schnelltest aufgerufen (ca. 130 Euro) den ich am heutigen Morgen absolviert habe. Das ganze Spektakel fand im Hinterhof des hiesigen ?Gesundheitsamtes? statt. Anmelden durfte man sich an einem geöffneten Fenster des Gebäudes zum Hinterhof. Dort wurde auch gleich kassiert. Der Test selbst fand dann einfach im freien statt, hinter einem provisorisch errichten Sichtschutz. Ich sollte um 8 Uhr da sein und war ziemlich pünktlich. Trotzdem war schon einiges los. Das ganze ging aber ziemlich schnell und das Ergebnis sollte ich dann per Mail erhalten. Im Anschluss habe ich den Tag mehr oder weniger mit den Dingen totgeschlagen, die ich üblicherweise so an Pausetagen machen: Stadtbummel, Wäsche waschen, Hörbuch, ausruhen. Am Nachmittag kam dann mein Ergebnis. Alles gut, da negativ. Ich bin in den nächsten Copy Shop und hab mir den Befund noch ausgedruckt. In der Apotheke hab ich mich noch mit neuer Wundsalbe und mit Vaselinen eingedeckt. Die bisherige Strecke hat doch ein paar Spuren hinterlassen 😉 Ich streiche früh die Segel, froh darüber, dass es morgen weitergehen kann und gespannt auf Serbien.

24.09.2020
In meinem Hostelzimmer gibt es ein kleines Frühstück: Eine halbe Packung Cornflakes, einen Liter Milch. Dann fühl ich mich stark genug für den Tag 😉
Gleich hinter Osijek ist es vorbei mit dem Verkehr. Die Straße in Richtung der serbisch/kroatischen Grenze ist immer noch groß, aber es ist nichts los. Ich vermute, dass das auch an Corona liegt. Private PKWs sieht man so gut wie nicht, nur hier und da ein LKW. Da aber so viel Platz ist, stören die nicht einmal. Im Grunde habe ich die Straße für mich alleine und auch die Landschaft wird etwas lieblicher. Es tauchen zum Beispiel wieder Weinpflanzungen auf und unterbrechen den ewigen Mais. Der Wind kommt heute von hinten und so geht es mit flotten 28 km/h gen Grenze. Nach 40 Kilometern reise ich aus Kroatien aus und treffe endlich wieder auf die Donau, die hier die Grenze markiert. Auf der Brücke zwischen Serbien und Kroatien bin ich komplett alleine. Eine Stimmung wie in einem Zombiefilm – unheimlich. Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei meinem Flug nach Riga im August am völlig verwaisten Münchner Flughafen. Unheimlich, aber auch irgendwie geil.

Auf nach Serbien… Verwaiste Grenze

Achja – und natürlich hat mich die Donau jetzt endlich wieder. Nach meiner Ungarn-Umfahr-Aktion bin ich endlich wieder auf Kurs. Da freut sich die unrasierte Prinzessin!

Zurück an der Donau

Ja – und dann Serbien.
Gleich bei Einreise habe ich ein kleines Heldenstück zum besten gegeben. Nachdem das hier ja aber auch lustig sein soll beim Lesen, werde ich das natürlich teilen.
Zunächst lege ich ganz brav Ausweis und Covid-Bescheid vor. Das Fensterchen am Häuschen der Grenzpolizei schließt sich und öffnet sich nach ein paar Minuten wieder. Ein fragender Blick. Dann die dazugehörige Frage: Warum ich denn diesen Corona-Bescheid dabei hätte? Den will doch gar niemand haben.
Ich entgegne, dass das aber die Info (nicht nur!) des Auswärtigen Amtes für Einreisende aus Kroatien ist.
Der Grenzpolizist klärt mich auf, dass das für Kroaten ja stimmt, aber nicht für Deutsche.
Ich frage nach dem Sinn, denn schließlich käme ich ja aus Kroatien und war dort ja möglicherweise etwas länger als nur ein paar Stunden zum Transit. Man beachte: Da steht ein Deutscher mit Fahrrad!
Der Grenzer daraufhin nur: Das wisse er ja aber nicht wie lange ich in Kroatien gewesen sei und das interessiert ihn eigentlich auch nicht. Für Deutsche ist kein Test notwendig.
Ich bin etwas entgeistert und merke mal wieder, wie ich mir viel inneren Streß in den letzten Tagen umsonst gemacht habe. Die 1000 Kuna für den Covid-Test hätte ich mir jedenfalls sparen können. Ich wuerde es gerne als Lehrgeld verbuchen, weiß aber nicht, was ich hätte anders machen sollen. Alle offizielle Quellen die mir linguistisch zugänglich sind bestehen auf diesen Test.
Aber Schwamm drüber. Die Story geht nämlich noch weiter.
Der Grenzer gibt mir nämlich meinen Perso zurück mit dem Verweis, dass der schmutzig sei und sein Lesegerät ihn nicht lesen kann.
„Clean! Now!“. Wörtliches Zitat – Ende.
Okay – dann clean ich eben. Now. Ich nehm völlig unreflektiert ein bisschen Spucke auf den Finger und fang an den Personalausweis mit dem Fingernagel zu bearbeiten. Die entsprechende Schmierstelle ist auch sofort blank, aber ich merke schon, wie dem guten Menschen hinter seiner Scheibe völlig die Visage entgleitet. Völlig entgeistert sieht er mich an und sagt nur: „No!“. Ich merke, dass mein Vorgehen im Gesamtkontext gerade reichlich skurril war, kann jetzt aber auch nichts mehr machen. Sein Blick ist ein einziges „das hat er jetzt nicht getan?!“. Ich zucke nur mit den Achseln und meine, dass ich jetzt nichts anderes zum putzen da habe.
Ich will den Ausweis zurück durchs Fenster schieben, da bedeutet mir der Grenzpolizist nur, ich möge ihn hinlegen. Das tue ich. Daraufhin organisiert er sich Einweghandschuhe, Desinfektionsmittel…. und putzt meinen Ausweis dann doch noch einmal selbst, bevor er ihn auf sein Lesegerät packt. Clean! Now!
Und dann darf ich endlich einreisen. Und muss erst mal ordentlich lachen. Über mich selbst, über die Situation…
Ich und Grenzbeamte – das ist eigentlich auch ein Kapitel für sich. Vielleicht schreibe ich meine gesammelten Grenzepisoden auch irgendwann einmal zusammen.

Hallo Serbien

Und dann liegt Kroatien also hinter mir. Mein Rad und ich sind mit Kroatien ja keine Freunde geworden und ich bin sehr gespannt, was nun vor mir liegen wird. Auf jeden Fall wird man direkt hinter der Grenze als Radfahrer von einem großen Schild begrüßt, dass den Verlauf des Donauradweges ausschildert und einem viel Spaß und etwas Wind im Rücken wünscht. Das klingt doch gut!
Immer noch mit etwas Wind im Rücken steuere ich den ersten Ort an. Karavukovo. Ich brauch Kohle. Die finde ich am Geldautomaten direkt bei der völlig heruntergekommen Kirche. Aber nicht nur die Kirche ist am Ende. Der ganze Ort wirkt sehr ärmlich und erinnert mich stark an Armenien vor gut 12 Jahre. Da sind sie wieder – die östlichen Automarken. Alte Ladas, alte Daccias. Alle nur noch vom Lack zusammen gehalten. Alte und nicht ganz so alte Männer sitzen am Straßenrand und spielen Domino. Trinken Bier und Tee. Alles ist plötzlich ganz langsam und ruhig, als hätte die Welt einen Gang zurück geschalten. An Arbeit denken an einem Donnerstag Nachmittag offenbar nicht sehr viele Menschen. Nunja – ich ja auch nicht. Ein Schnack mit Freunden scheint schon viel eher das zu sein, was man hier so tut.
Ich kann die ganze Sache noch nicht einschätzen. Die Leute mustern mich nicht unbedingt freundlich und ich fühle mich in dieser Welt mit meinem Rad auch ein bisschen fehl am Platz. Gleichzeitig bin ich fasziniert – das sind eigentlich genau diese Stimmungen, die mich an östlicheren Ländern immer so fasziniert haben. Da ist nicht jeder gleich freundlich. Alles wirkt etwas rauer. Trotzdem hab ich auf meinen bisherigen Reisen in Rumänien oder im Baltikum nahezu ausnahmslos wirklich tolle Menschen kennen gelernt.
Apropos Menschen kennen lernen. Das liegt mir eigentlich schon die ganze Zeit auf dem Herzen. Menschen kennen lernen ist für mich auf Reisen eigentlich etwas extrem wichtiges. Normalerweise bin ich immer der Erste, der irgendwo eine Kneipe stürmt und versucht, Bekanntschaften zu knüpfen. Auf dem Rad selbst ist das ja schlicht und einfach nicht möglich. Aber in den Orten auf dieser Reise macht mir das Corona wirklich schwer. Die einzige Ausnahme (die mittlerweile so gar nicht mehr möglich gewesen wäre) war meine Nacht in Wien. Und das war halt Wien… Die Menschen sind überall — egal wo man hinkommt – eher distanziert und wahren Abstand. Begegnungen sind eher ein voreinander Wegducken. 2 Meter mind Mundschutz. Richtige Kneipen und Clubs haben ohnehin geschlossen oder wenn dann nur mit Auflagen, die ein Kennenlernen, ein Gespräch am Tresen, ein Neugierig sein nicht möglich machen. So ist denn meine Reise bisher vor allem eine körperliche und seelische Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Aber es fehlt das Salz in der Suppe. Und ich wüsste nicht wie ich das aktuell ändern könnte…
Bei aller Notwendigkeit zur Vorsicht dürfen wir nicht vergessen darueber nachzudenken, in welcher Welt wir morgen eigentlich leben wollen. Denn eines ist klar: Wir werden auch morgen noch mit Corona leben müssen. Vieles wird viel zu leicht viel zu selbstverständlich, was keiner wollen kann. Augen aufhalten. Kritisch bleiben! Amen.
Und dann beginnt sie – meine Fahrt durch Serbien. Ich bin unterwegs auf schlechten Dammwegen und noch schlechteren kleinen Straßen. Mehrmals muss ich absteigen, weil mir Hunde hinterher rennen und ich die nicht zum Jagen animieren will. Serbien präsentiert sich mir extrem weit und leer. Auf den nächsten 40 Kilometern komme ich durch keinen einzigen Ort und begegne nur einem einzigen Auto. Auf den Feldern sehe ich ab und zu einen Mähdrescher am Werk. Die abgemähten Felder machen, dass es trotz fast 30 Grad plötzlich auch hier Herbst wird.

Am Nachmittag erreiche ich nach 98 Kilometern Backo Novo Selo. Ich erfahre, dass Backo Novo Selo bis zum ersten Weltkrieg ein deutsches Dorf war und Neudorf an der Donau hieß. Das Nest ist extrem verschlafen, wirkt ärmlich und heruntergekommen. Das kleine Hotel Bela Vrba in der Nähe des Donauufers will hier nicht so recht herpassen. Drinnen ist alles neu und schick gemacht. Lounge Style a la Großstadt. Im Restaurant, in dem niemand ist, läuft House Musik. Ich bin ganz sicher der einzige Übernachtungsgast. Ab und zu verlaufen sich dann aber doch noch ein paar Leute aus dem Ort hierher auf ein Bier. Vielleicht braucht man so weit draußen in der serbischen Provinz auch ein bisschen urbanes Feeling? Trotzdem – wovon leben die hier? Von den vielen Donauradwanderern wohl kaum – das sind nämlich ab Wien auch nicht mehr viele. Selbst in guten Jahren ohne Corona.
Ich esse im Hotel. Eine andere Gelegenheit habe ich eh nicht. Auch hier bin ich der einzige Gast für den gekocht wird. Ich bestelle Catfish – Wels. Mein Lieblingsfisch. Kann mir gut vorstellen, dass der hier in der Donau herumgrundelt. Als Vorspeise gibt es gebackenen und geräucherten Käse. Beides sehr fein und viel zu viel. Dazu ein Bier und fertig ist der heutige Blogeintrag.
Zwei Fahrtage habe ich jetzt noch bis Belgrad vor mir. Dort werde ich mir dann nochmal intensiv Gedanken über meine Etappenaufteilung für den Rest der Reise machen, denn ein paar Dinge werden nicht so funktionieren, wie ich mir das zuhause am Schreibtisch gedacht hab. Ich muss vielleicht nochmal den einen oder anderen Tag einschieben bis zu meinem Ziel – dem ersehnten Donaukilomter 0 in Sulina.

Im Hotel Bela Vrba in Backo Novo Selo

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Wow, Berny, echt toll, wie du das schreibst. Echt sehr interessant und unterhaltsam. Und spannend! Schön, dass Du wieder an der Donau bist. Ich werde sie am Samstag wieder sehen und spucke mal rein – als kleiner Gruß, der vielleicht an dir vorbei schwimmt ….
    Alles Gute weiterhin! Herzlich, Georgina

  2. Elisabeth Widmann

    Wie hältst du das nur aus? Und vor allen Dingen dein „Ärschle“???? Und die Psyche??? Hut ab!!! Und wann hast du bei den vielen Kilometern noch die Zeit, so interessante, tolle und vor allen Dingen lange Berichte zu schreiben, die ich jeden Tag mit Begeisterung lese!? Ich war nach 360km Tauernradweg fix und foxi, aber du animierst mich immer mehr, auch mal so ein längeres Ding zu wagen. Bin gespannt, wie es weitergeht!
    Deine besorgte, aber auch dich schwer bewundernde Mutter!

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